Digitaler Adventskalender 2020

 Kerzen; Foto:Gerd Altmann auf Pixabay.de

24. Dezember | Das Krippenspiel

Pünktlich um acht begann das Krippenspiel. Während wir sangen, zündeten die Ministranten überall in der Kirche die Kerzen an, und der Scheinwerfer wurde zum Weihnachtsstern. Man musste den Text des Liedes wirklich auswendig wissen, weil man nichts mehr sehen konnte, nicht einmal die vaselineglänzenden Augenlider von Alice Wendlaken.

Danach sangen wir zwei Verse von „Zu Bethlehem im Stalle", und dann sollten wir das Lied noch ein bisschen weitersummen, während Maria und Josef durch die Seitentür hereinkamen. Nur, sie kamen nicht. Also summten wir und summten und summten, was sehr langweilig und schwierig ist, und nach kurzer Zeit klang es nicht mehr wie ein Lied, sondern eher wie ein alter Kühlschrank.
„Ich wusste ja, dass so was passieren würde!", flüsterte mir Alice Wendlaken zu. „Sie kommen überhaupt nicht. Wir werden weder Maria noch Josef haben. Was sollen wir denn jetzt tun?"

Ich schätze, wir hätten weitergesummt, bis wir schwarz geworden wären, aber es kam nicht so weit. Ralf und Eugenia traten auf, sie waren nur erst nicht durch die Tür gekommen, weil sie sich gegenseitig aus dem Weg schubsten. Eine Minute lang standen sie einfach da, als ob sie nicht sicher seien, dass sie am richtigen Ort waren. Das lag vielleicht an den Kerzen und den vielen Menschen in der Kirche. Sie sahen aus wie die Leute, die man manchmal in der Tagesschau sieht: Flüchtlinge, die irgendwo an einem fremden, kalten Ort wartend herumstehen, umgeben von Pappkartons und Säcken. Plötzlich wurde mir klar, dass es der echten Heiligen Familie genauso ergangen sein muss, einquartiert in einem Stall, von Leuten, denen es egal war, was mit ihnen geschah. Sie konnten gar nicht besonders gepflegt und sauber ausgesehen haben. Sicher hatten sie eher so ausgesehen wie diese Maria und dieser Josef. (Eugenias Schleiher hing schief wie gewöhnlich, und Ralfs Haar stand zu allen Seiten ab.) Eugenia hatte die Babypuppe bei sich, aber sie wiegte sie nicht in den Armen, wie man es gewohnt war. Sie hatte sie über die Schulter gelegt, und bevor sie sie in die Krippe legte, klopfte sie ihr zweimal auf den Rücken.
Ich hörte Alice tief Luft holen. Sie puffte mich und flüsterte: „Ich finde es nicht sehr schön, den kleinen Jesus so zu klopfen, als ob er Bauchweh hätte." Sie knuffte mich noch einmal. „Kannst du dir vorstellen, dass er Bauchweh hatte?"
Ich sagte: „Warum denn nicht." Und ich konnte es mir wirklich vorstellen. Er konnte Bauchweh haben oder unruhig sein oder hungrig, genau wie jedes andere Baby auch. Das war es ja gerade: Dass Jesus nicht auf einer Wolke heruntergekommen war wie eine Märchenfigur, sondern dass er richtig geboren wurde und als Mensch lebte.
Mittlerweile mussten wir singen „Kommt ihr Hirten". Wir sangen sehr laut, weil es mehr Hirten gab als irgendetwas anderes und sie so viel Lärm machten mit ihren Hirtenstäben, mit denen sie herumfuhrwerkten wie mit Hockeyschlägern. Als nächstes kam Hedwig hinter dem Engelchor hervor. Sie schubste die anderen aus dem Weg oder trat ihnen auf die Füße. Da Hedwig die einzige war, die in dem Krippenspiel etwas zu sagen hatte, nutzte sie das auch aus. „He! Euch ist ein Kind geboren!" schrie sie, und es klang wirklich wie die beste Botschaft der Welt. Alle Hirten zitterten und fürchteten sich - vor Hedwig natürlich, aber jedenfalls wirkte es gut.
Dann kamen drei Lieder über Engel. Es dauerte sehr lange, bis die Engel auftraten, weil sie von den Erstklässlern gespielt wurden, die aufgeregt waren, weinten, vergessen hatte, wo sie hingehen sollten, mit ihren Flügeln in der Tür hängen blieben und all solche Sachen.
Danach hatten wir ein bisschen Ruhe, während die Jungs sangen „Wir sind die Drei Könige..." und die Zuschauer sich umdrehten, um den Auftritt der Heiligen Drei Könige durch den Mittelgang nicht zu verpassen.

„Was haben die denn da?" flüsterte Alice.
Ich wusste es nicht. Aber was es auch war, es war jedenfalls schwer. Leopold ließ es fast fallen. Dafür hatte er das Gefäß mit Weihrauch nicht dabei, und Klaus und Olli hatten gar nichts in der Hand, obwohl sie Gold und Myrrhe mitbringen sollten.
„Ich wusste ja, dass sowas passieren würde", sagte Alice wieder. „Ich wette, es ist was ganz Schlimmes."
„Was denn zum Beispiel?"
„Zum Beispiel ein Brandopfer. Du kennst doch die Herdmanns."
Gut, sie zündeten manchmal Sachen an. Aber das hier war nichts zum Anzünden: Es war ein Schinken. Ich wusste sofort, wo er herkam. Mein Vater war im Kirchenwohltätigkeitsverein, und der verschenkte zu Weihnachten Essenskörbe. Und dieser Schinken hier stammt aus dem Herdmannschen Korb, es war sogar noch das Band daran mit der Aufschrift „Frohe Weihnachten"...
Während wir sagen „Gold und Weihrauch bringen wir", sollten sich die Heiligen Drei Könige miteinander unterhalten und dann jeder zu einer anderen Tür hinausgehen, damit klar würde, dass jeder einen anderen Weg nach Hause nahm. Aber die Herdmanns hatten das entweder vergessen oder sie wollten nicht, jedenfalls unterhielten sie sich nicht und gingen auch nicht. Sie saßen einfach da, und niemand konnte etwas dagegen unternehmen.
„Sie verderben alles", flüsterte Alice.

Aber sie taten es ganz und gar nicht. Es war wirklich viel sinnvoller, dass sich die Heiligen Drei Könige hinsetzten und ausruhten. Das sagte ich ihr. „Sie haben einen weiten Weg hinter sich. Man kann nicht von ihnen erwarten, dass sie ankommen, den Schinken abliefern und sofort wieder verschwinden."
Ich fand, das die Herdmanns nichts verdarben, sondern im Gegenteil das Krippenspiel um vieles verbessert hatten, indem sie einfach das taten, was ihnen logisch erschien. Zum Beispiel, dass sie das Baby auf den Rücken klopften und einen Schinken für ein besseres Geschenk hielten als eine ganze Menge parfümierter Öle. Gewöhnlich hatte ich, bis wir zu „Stille Nacht, heilige Nacht" kamen (das war immer das letzte Lied), so genug von der ganzen Sache, dass ich das Ende kaum abwarten konnte. Aber diesmal war es anders. Ich wünschte fast, das Krippenspiel ginge weiter, nur um zu sehen, was die Herdmanns noch alles anders machen würden.
Vielleicht würden die Heiligen Drei Könige Maria von der Geschichte mit Herodes erzählen, und sie würden ihnen raten, dass sie zurückgehen und ihm das Blaue vom Himmel herunterlügen sollten. Oder Josef würde mit ihnen zurückgehen und ein für allemal Schluss mit Herodes machen. Oder Josef und Maria würden den Heiligen Drei Königen das Christkind mitgeben, weil sie dachten, dass niemand auf die Idee käme, es bei ihnen zu suchen.

Ich war so damit beschäftigt, mir immer neue Möglichkeiten auszudenken, wie man das Baby Jesus retten konnte, dass ich den Anfang von „Stille Nacht, heilige Nacht" verpasste. Aber es war weiter nicht schlimm, weil alle mitsangen, auch die Zuschauer. Wir sangen alle Strophen, und als wir zur Stelle kamen „Gottes Sohn, oh, wie lacht ...", schaute ich zufällig zu Eugenia hinüber. Fast hätte ich mein Gesangbuch auf einen kleinen Engel fallen lassen.
Jeder hatte die ganze Zeit darauf gewartet, dass die Herdmanns etwas absolut Unerwartetes tun würden. Und nun war es geschehen. Eugenia Herdmann weinte.
Im Kerzenlicht glänzte ihr ganzes Gesicht vor Tränen, und sie machte nicht einmal den Versuch, sie wegzuwischen. Sie saß nur da - die schlimme, schreckliche Eugenia - und weinte und weinte und weinte.

Es war wirklich das beste Krippenspiel, das jemals bei uns aufgeführt wurde. Das sagte hinterher jeder, aber niemand schien zu wissen, warum es so war. Nach dem Spiel standen die Leute auf dem Vorplatz der Kirche und unterhielten sich darüber, was dieses Jahr anders gewesen sei. Jeder sagte, es sei etwas Besonderes dabei gewesen, aber keiner konnte es beschreiben ...

Was aber mich betrifft, so wird Maria immer etwas von Eugenia Herdmann haben, ein bisschen unruhig und verwirrt, aber bereit, jeden zu verprügeln, der ihrem Baby zu nahe treten will. Und die Heiligen Drei Könige werden für mich Leopold und seine Brüder sein, mit einem Schinken in der Hand.
Als wir an diesem Abend aus der Kirche kamen, war es kalt und klar. Der Schnee knirschte unter unseren Füßen, und die Sterne leuchteten hell, sehr hell. Und ich dachte an den Verkündigungsengel, an Hedwig mit ihren dünnen Beinen und ihren schmutzigen Stiefeln, die unter ihrem Kostüm hervorschauten, an Hedwig, die uns allen zurief: „He, euch ist ein Kind geboren!"

Text von Barbara Robinson aus: „Hilfe die Herdmanns kommen“, Oetinger Media GmbH

 

Beitrag eingereicht von: Felicitas Kröger
Kerzen; Foto: Gerd Altmann auf Pixabay.de

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