Prag; Foto: auf pixabay.de

5. Dezember | Der Schatz

Rabbi Eisik, Sohn von Rabbi Jekel, lebte in Krakau, und trotz schwerer Not war sein Gottvertrauen nicht erschüttert worden. Er träumte, er solle nach Prag wandern. Dort, unter der Karlsbrücke, die hinüberführt zum Schloss, werde er einen Schatz finden. Als er diesen Traum drei Mal geträumt hatte, wanderte er los. Aber in Prag an der Brücke standen viele Wachposten, die den Übergang zum Schloss bewachten. Rabbi Eisik konnte es nicht wagen, seine Schaufel zum Graben anzusetzen. Er ging jeden Tag zur Brücke, umkreiste sie bis zum Abend und überlegte, wo wohl sein Schatz liegen könnte.

Dem Hauptmann der Wache fiel der Rabbi auf und schließlich fragte er ihn: „Warum kommst du jeden Tag hierher und lungerst hier herum?“ Da erzählte Rabbi Eisik, welcher Traum ihn hergeführt hatte. Der Hauptmann lachte aus vollem Hals und erwiderte: „Da bist du armer Kerl mit deinen zerfetzten Sohlen einem Traum zu Gefallen her gepilgert! Wo kämen wir hin, wenn wir Träumen trauen würden? Ich zum Beispiel träume nun schon wochenlang von einem armen Juden Eisik, Sohn Jekels, aus Krakau. Ich solle nach Krakau wandern und unter dem Ofen in seiner Stube graben, dort würde ich einen Schatz finden! Ich kann mir vorstellen, wie ich drüben, wo die Hälfte der Juden Eisik und die andere Jekel heißt, alle Häuser aufreiße.“

Rabbi Eisik lächelte, verneigte sich höflich vor dem Hauptmann und wanderte zurück nach Krakau. Dort angekommen, grub er schleunigst unter seinem Ofen, wo der Schatz lag und er baute mit dem Geld ein Bethaus.

Aus den Erzählungen der Chassidim von Martin Buber

 

Beitrag eingereicht von: Felicitas Kröger
Prag; Foto: Free-Photos auf pixabay.de


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