Kaffeebecher; Foto: fotografierende auf pixabay.de

3. Dezember | Gegenwärtigkeit

Präsent zu sein ist schwierig, weil es bedeutet, ganz im gegenwärtigen Moment einzutauchen und damit nirgendwo anders zu sein. Nicht im Kopf, nicht bei den Gedanken, nicht in der Zukunftsplanung, auch nicht in der Vergangenheitsbewältigung. Nur im jetzigen Moment. Wie oft grübeln wir, wenn uns etwas beschäftigt oder wir Sorgen haben. Die Lösung ist meist so einfach, dass wir selbst nicht darauf kommen.

Lasse alles hinter dir, indem du einfach im gegenwärtigen Moment ankommst. Dort ist nichts als Frieden. Dieser Brief ist an den Moment geschrieben.

Lieber Moment, ich suche dich und versuche dich zu halten. Du bist so flüchtig. Und ich bemerke, dass ich dich gar nicht halten kann, wenn ich dich nicht einmal richtig gefunden habe. Doch bist du mir so kostbar, dass ich nicht aufgeben mag, dich finden zu wollen. Ganz wahrnehmen möchte ich dich, nicht mehr und nicht weniger. Und ich möchte mich erinnern an diesen Wunsch, wenn ich Sorgen habe und so stark nachdenke, dass ich Falten auf meiner Stirn bekomme. Dann grübele ich oft viele Stunden, ohne zu bemerken, was du mir zu bieten hast. Irgendwann wache ich dann auf und spüre die Sonne, die mein Gesicht wärmt, höre die Vögel, die draußen zwitschern, spüre den leichten Windzug auf meiner Haut. Für diesen klitzekleinen Moment war nichts als gewahr werden. Bewusst sein.

Und schon bist du wieder weg, ich bin einem Gedanken gefolgt, der sich in mir eingenistet hat. Warum kannst du es nicht verhindern? Warum bin ich oft so schwach?

Wahrscheinlich sagst du jetzt, dass du immer da bist und ich es bin, der verschwindet. Du könntest Recht haben, nein, du hast recht. Ich steige in Gedankenzüge ein und fahre oft viele Kilometer, ohne dass ich weiß, wohin. Bis ich mir des Fahrens bewusst werde, aus dem Gedankenzugfenster hinausschaue und sehe, wie die Umgebung an meinem Zugfenster vorbeirauscht. Dann rieche ich den Geruch in meinem Gedankenzugabteil, ich höre das Rauschen des Gedankenzugs. Ich nehme war mit all meinen Sinnen. Auch meinen Körper spüre ich, wie er sitzt und den Stuhl berührt. Wenn ich ganz viel Glück habe, bemerke ich, dass in diesen Momenten reiner Frieden ist, dass sich mein Problem in dir aufgelöst hat, weil es in dir niemals vorhanden war. Denn Probleme sind immer nur in meinem Verstand und nie in diesem einen Moment. Nie in DIR! Glück stellt sich in mir ein, wenn ich diese heilsame Distanz wahrnehmen kann zu dem lärmenden Verstand in mir. Dann beobachte ich aus einer distanzierten Rolle heraus, was sich in meinem Verstand abspielt. Gleichzeitig nehme ich meinen Körper wahr, beobachte, was meine Sinne mir mitteilen. Das alles führt mich zu dir und hält mich für eine Weile bei dir. Auch, wenn es flüchtig ist, weil ich mich so schnell ablenken lasse und auf einen neuen Gedankenzug aufspringe, weiß ich zu schätzen, dass du immer bei mir bist und mir jederzeit so viel zu bieten hast. Du bietest mir nicht nur die Sonne, das Zwitschern der Vögel, das Ein- und das Ausatmen, den Windzug auf meiner Haut, du bietest mir mehr. Frieden ist es, den du mir bringst, für einen klitzekleinen Augenblick, in dem ich es schaffe, nur wahrzunehmen, was jetzt grad ist. Wie unschätzbar kostbar du bist, du flüchtiger Moment. Tiefe Dankbarkeit empfinde ich für dich, gerade weil du so flüchtig bist. Und weil du so flüchtig bist, versuche ich immer wieder, dich zu finden, dich auszudehnen, bis ich es schaffe, in dir zu verweilen, in deiner unendlichen Friedlichkeit.

 

Eigener Beitrag eingereicht von: Ines Leue
Foto: fotografierende auf pixabay.de


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