Riesenrad; Foto: nickype auf pixabay.de

1. Dezember | Geschenke – allüberall

Es ist Advent. Eine Zeit der Besinnung und der Freude auf das Fest. In diesem Jahr ist es eine besonders fordernde und herausfordernde Zeit. Ein Jahr, das es so noch nie gab. Welche weiteren Regelungen, Maßnahmen und Einschränkungen wird es für uns im Kontext des Lockdowns geben? Was wird alles gestrichen, was fällt weg? Welches Szenario in den Schulen und Klassen steht an: A, B oder schon C? Wie geht es weiter mit der Arbeit? Wann gibt es Impfungen? Wie werden wir und unsere Lieben diese Zeit überstehen? Wie werden wir feiern? Was wollen wir schenken in dieser Zeit? Und noch so viele andere Fragen, die uns Gedanken und Sorgen bereiten. Ein kürzlich aufgetauchtes britisches Graffiti beschreibt die Situation ganz treffend: „Lockdown 2 – The Nightmare before Christmas“: Der Albtraum vor Weihnachten. Viele Fragen, viele Unwägbarkeiten, viele Zweifel. Von „Kontrollverlust“ sprechen derzeit viele – oft vergessend, dass das menschliche Leben eigentlich auch bisher niemals wirklich kontrollierbar war. Doch nur selten war es allen derart offensichtlich. Besinnung und Freude fällt schwer unter diesen Umständen. So kann es sich bereits morgens so anfühlen, als wenn man einen großen Rucksack mit (be)schweren(den) Steinen mit sich herumschleppt.

Es ist früh am Morgen. Mein Weg zur Arbeit führt mich durch die Innenstadt. Noch ist es dunkel, doch man kann schon die ersten Vögel munter zwitschern hören, die den neuen Tag ankünden. Die Schülerinnen und Schüler strömen zum Unterricht, und fröhliches Kinderlachen ist zu hören. Durch die Fenster der Häuser, Schulen, Hotels, Büros, des Theaters und des Doms scheint warmes Licht heraus, das fröhlich stimmt. So wie die bunt angestrahlten Gebäude, die Sterne und Kugeln in den Straßen, die liebevoll dekorierten Schaufenster der Geschäfte, die vielen Lichter auf den buschigen kleinen und großen Tannenbäumen, die nun – ohne Weihnachtsmarktbuden – in ihrer Schönheit viel mehr zur Geltung kommen. „Allüberall auf den Tannenspitzen, sah ich goldenen Lichtlein sitzen“, klingt es in mir nach. Auf der Hase spiegeln sich Lichter wie leuchtende Tannbaumkugeln. Einige tapfere Blüten am Wegesrand trotzen der knisternden Kälte, und die letzten bunten Blätter des Herbstes verteilen sich abwechslungsreich auf meinem Weg. „Sei einfach glücklich“, prangt auf dem Lampenschirm einer Schaufensterauslage. Auf den Pullovern daneben steht "Liebe, lebe, tanze - du bist geliebt“ und „Lebensglückskind“. In einem anderen Geschäft entdecke ich zuckergussverzierte Lebkuchenherzen, auf denen zu lesen ist: „Schön, daß es Dich gibt“ – „Ich freu‘ mich auf Dich!“ – „… weil Du immer für mich da bist“ – „Freude“ – „Kuss“ – „Liebe“. Und mittendrin auf dem Domvorplatz steht das große Riesenrad, das – auch, wenn es nun stillstehen muss – beim Anblick eine kindliche Freude in mir hervorruft. Der Regen hat aufgehört, und am Horizont erscheint ein erstes Leuchten, das sich nach und nach in rosafarbene Wolken und dann in ein kräftiges Strahlen verwandelt – trotz dicker Wolkendecke. Es erinnert an die Geschichten und Bilder der Engelsbäckerei aus der Kindheit. Das Leben erwacht von Neuem, und ich denke an die bekannten Zeilen:
„Immer wenn Du meinst, es geht nicht mehr,
kommt von irgendwo ein Lichtlein her,
dass Du es noch einmal zwingst
und von Sonnenschein und Freude singst.
Leichter trägst des Alltags herbe Last,
wenn Du wieder Kraft und Mut und frischen Glauben hast.“

und:

„Wenn Du denkst es geht nicht mehr,
kommt irgendwo ein Lichtlein her.
Ein Lichtlein wie ein Stern so klar,
es wird Dir leuchten immer da.

Wird zeigen Dir den Weg zurück,
den Weg zu einem neuen Glück.
Drum glaub daran - verzage nie,
es geht schon weiter - irgendwie.

Und mit Willen, Kraft und Mut,
wird dann alles wieder gut.
Du mußt nur immer fest dran glauben
und laß Dir nur den Mut nie rauben.

Es gibt für alles einen Weg,
und sei’s auch nur ein kleiner Steg.
Es gibt nun mal nicht nur gute Zeiten,
das Leben hat auch schlechte Seiten.

Doch wie bist Du stolz, wenn Du’s geschafft,
aus Sorgen und Nöten - mit eigener Kraft,
herauszukommen, was Du nie geglaubt,
da man Dich sooft schon der Hoffnung beraubt.

Doch die Hoffnung auf ein besseres Leben,
die lasse Dir bitte, niemals nehmen.
Denn wenn Du denkst es geht nicht mehr,
kommt irgendwo ein Lichtlein her.“

(Rainer Maria Rilke)

Angekommen an der Tür zur Arbeit, drehe ich mich nochmals um, schaue auf das beruhigende Licht der winterlichen Morgensonne. Ich spüre, dass mein Rucksack viel leichter ist als noch zu Beginn meines Spaziergangs. Sicherlich ist er voller kleiner Geschenke, die das Leben auch in diesen Zeiten für mich hat. Ich freue mich. Vielleicht sind auch Geschenke für andere dabei?

 

Eigener Beitrag eingereicht von: Felicitas Kröger

Foto: nickype auf pixabay.de


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